Heavy-Metal-Rock


Heavy-Metal-Rock
Heavy-Metal-Rock
 
[englisch, 'hevɪ'metlrɔk; wörtlich »Schwermetall-Rock«]. Der Begriff kam Anfang der Siebzigerjahre auf und geht auf den amerikanischen Journalisten Lester Bangs (1948-1982) zurück, der ihn einem Text des Schriftstellers William Burroughs entnahm und auf die britische Band Black Sabbath bezog. Er kennzeichnet eine Spielweise der Rockmusik, die musikalisch weitgehend mit dem Hardrock früherer Jahre identisch ist, sich von diesem allenfalls durch größere Lautstärken und ein dank moderner Aufnahmetechnik schwergewichtigeres, von verzerrten E-Gitarren dominiertes Klangbild unterscheidet. Doch ist es unmöglich, hier eindeutige Grenzen zu ziehen, zumal sich die heutigen Heavy-Metal-Bands durchaus in der Traditionslinie früherer Hard-Rock-Gruppen — etwa den Who, Led Zeppelin, Uriah Heep, Black Sabbath, Deep Purple oder MC5 — sehen. Diese auf einer ausgeprägten Riff-Technik (Riff) und einem motorisch durchgehämmerten Beat basierende Spielweise des Rock in überdimensionaler Lautstärke mit harten, von unisono geführten Gitarren beherrschten musikalischen Strukturen zieht sich vielmehr als radikalste Ausprägung der Rockmusik wie ein roter Faden durch deren Geschichte hindurch, auch wenn sie nicht gleich bleibend im Zentrum der kommerziellen und publizistischen Aufmerksamkeit stand. In ihr verkörpert sich eine soziale Ventilfunktion, die ihre Basis in den unterprivilegierten Teilen der Jugend besitzt und mit wachsenden sozialen Spannungen, ökonomischen Krisenerscheinungen und ansteigender Jugendarbeitslosigkeit deutlich an Aggressivität zugenommen hat. War der Hardrock der Endsechzigerjahre noch durch einen provokanten ästhetischen Primitivismus gekennzeichnet, der soziales Konfliktpotenzial und Frustrationen in Lautstärkeorgien abreagierte, so steigerte sich das zehn Jahre später in einen aggressiven Kult der Gewalt mit noch höherem Lautstärkepegel, einen makabren Okkultismus oder einen brutalen Männlichkeitsfetischismus. Freilich drückt sich darin nicht nur die drastisch verschlechterte Lage großer Teile des jugendlichen Publikums aus, sondern auch eine insgesamt veränderte Medienlandschaft mit immer schneller verschleißenden Reizstimulationen, in der Gewalt seit langem schon ein probates Mittel der Massenunterhaltung geworden ist. Schwarze eisenbeschlagene Lederbekleidung, Metallpanzer, Reißzähne und die zum Teil bis auf das Mittelalter zurückgehende Symbolik eines teils ernsthaft bekennenden, teils marktgerecht kalkulierten Dracula-, Teufels- oder Hexenkults sind die äußeren Insignien solcher Veränderungen im Erscheinungsbild der Bands.
 
Der Übergang vom Hardrock zum Heavy Metal wird dem früheren Leadsänger von Black Sabbath, Ozzy Osbourne (* 1948), zugeschrieben, der 1978 eine Solokarriere begann und mit seiner ins Absurde gehenden Übersteigerung der dem Hardrock eigenen musikalischen Charakteristika das musikalische und ästhetische Selbstverständnis der Heavy-Metal-Bands entscheidend geprägt hat. Iron Maiden, Judas Priest, Motörhead, Saxon oder Angel Witch gehörten zu den namhaftesten Vertretern dieser Hard-Rock-Renaissance, die oft auch als New Wave of British Heavy Metal (NWOBHM) bezeichnet wird. Dem Begriff Heavy Metal verhalf 1981 ein gleichnamiger Zeichentrickfilm (Regie: G. Potterton) zum Durchbruch, in dessen Soundtrack unter anderem Bands wie Blue Öyster Cult und Cheap Trick zu hören waren. Judas Priest sorgten mit ihrer Bühnengarderobe, eisenbeschlagenem schwarzem Leder, für das lange Zeit verbindliche optische Erscheinungsbild.
 
Seine kommerziell erfolgreichsten Repräsentanten fand Heavy Metal zunächst jedoch in der australischen Gruppe AC/DC und der amerikanischen Band um den Gitarristen Eddie Van Halen (* 1957), womit sich auch die Musikindustrie auf die neue Welle einzustellen begann. In der Folge etablierte sich Heavy Metal sehr rasch als eigenständige Verkaufskategorie, was eigens darauf spezialisierte Zeitschriften, Plattenlabels und Verkaufscharts nach sich zog. Dass dabei naturgemäß die weniger radikalen Vertreter wie AC/DC, Van Halen, Motley Crue oder Quit Riot im Mittelpunkt standen, führte in der weiteren Entwicklung zu einer Aufsplitterung dieses Genres, das sich heute neben den auf dem Popmusik-Markt etablierten Acts — Bon Jovi, Aerosmith, Poison, White Lion und Def Leppard, auch als Lite Metal (englisch = »Leichtmetall«) bezeichnet — in einer Reihe weiterer Kategorien präsentiert, wobei die Übergänge zwischen ihnen fließend sind:
 
Black Metal (englisch black = »schwarz«): hat seine Wurzeln im frühen Schaffen von Black Sabbath (z. B. Langspielplatte »Black Sabbath«, 1970), also in einer Spielart des Hardrock, dessen Texte um Okkultismus, Satanismus und Schwarze Messen kreisen. Venom verbanden 1981 auf ihrer LP »Welcome To Hell« derartige Inhalte mit der aggressiveren Spielweise des Punk und schufen damit den Prototyp des Black Metal, der seitdem in unterschiedlichen musikalischen Erscheinungsformen bei gleich bleibender Thematik existiert. Bekannteste Vertreter sind King Diamond, Morbid Angels, Deicide, Dark Throne und Impaled Nazarene.
 
Deathmetal (englisch death = »Tod«): befasst sich, wie der Name sagt, mit dem Tod, den grausamsten Umständen seines Zustandekommens und dem »Sein danach«. Inhaltlich gibt es enge Bezüge zum Black Metal, in musikalischer Hinsicht wird hier an den Thrashmetal angeknüpft. Neben aberwitzigen Tempi, extrem verzerrten Gitarren-Riffs an der Grenze zu undifferenziertem Lärm und wahren »Knüppelorgien« seitens der Schlagzeuger fallen vor allem die brutalen, mit herkömmlichem Gesang nicht mehr vergleichbaren Vocals auf. Die »Sänger« behandeln ihre Stimme im Sinne eines verzerrten Instruments, schreien, kreischen, grunzen. Die weitestgehend unverständlich bleibenden Texte sind nur noch anhand des CD-Booklets nachvollziehbar. Der Übergang vom Black zum Deathmetal wird der Band Venom zugeschrieben. Als erster Klassiker gilt die Langspielplatte »Reign In Blood« (1986) von Slayer. Gruppen wie Death, Obituary, Sepultura, Anthrax oder Autopsy sorgten für die weltweite Verbreitung dieser Spielart.
 
Doom-Metal (englisch doom = »Schicksal, Verhängnis, Jüngstes Gericht«): eine in langsamerem, schleppendem Tempo gespielte Version des Heavy Metal, deren Texte sich vorrangig mit Katastrophen und Weltuntergangsvisionen befassen. Schwergewichtige Riffs, eingefügt in ein düsteres, melancholisch lastendes Klangbild, das zum Teil durch tiefergestimmte Instrumente realisiert wird, prägen diese Spielart. Die schwedische Band Candlemass sorgte 1986 mit ihrer Langspielplatte »Epicus, Doomicus, Metallicus« für den ersten Meilenstein. Anfang der Neunzigerjahre fand Doom-Metal als Alternative zum Death weltweit Verbreitung. Typische Vertreter sind Cathedral, Saint Vitus, Solitude Aeternus und Stillborn. Parallelen zum Gothic Rock werden vor allem bei der Band Paradise Lost (z. B. Langspielplatte »Gothic«, 1991) deutlich.
 
Funky Metal: beschreibt eine Verschmelzung der Rifftechnik von Heavy Metal mit der Rhythmik des Funk, seit Ende der Achtzigerjahre mit einer Tendenz zum Rap (vergleiche Hip-Hop-Metal). Eine vergleichbare Spielweise praktizierten seit Mitte der Siebzigerjahre Mother's Finest (z. B. Langspielplatte »Another Mother Further«, 1978), später dann als weiße Band Level 42. Um 1990 sorgten dann Living Colour, Faith No More, Mind Funk oder auch Freaky Fukin Weirdoz für eine allgemeine Akzeptanz dieser Richtung.
 
Grindcore (englisch grind = »pulverisieren, zermahlen«): Die Steigerung von Heavy Metal ist Grindcore, ein Begriff, der den Ausdruck Hardcore als Signum für Unmittelbarkeit und Authentizität mit dem Verweis auf eine gleichsam pulverisierende Klanggewalt verbindet. Tatsächlich sind extremere Lärmzustände wohl noch nie gehört, geschweige denn als Musik bezeichnet worden. Typische Vertreter sind Napalm Death (z. B. Langspielplatte »Scum«, 1987), Carcass (Langspielplatte »Reek Of Putrefaction«, 1988) und Extreme Noise Terror.
 
Hip-Hop-Matal: in den Achtzigerjahren vor allem im Gefolge der Beastie Boys aufgekommene Fusion der Hip-Hop- und Heavy-Metal-Szene. Weitere typische Vertreter, die sich damit erfolgreich behaupten konnten, sind die amerikanische Band Rage Against The Machine und Clawfinger aus Schweden.
 
Industrial Metal: Bezeichnung für eine Fusion aus Industrial Rock und Heavy Metal. Typische Repräsentanten dessen sind die US-Bands Nine Inch Nails, Murder Inc. und Ministry.
 
Power-Metal (englisch power = »Macht, Kraft«): Ebenfalls auf eine Steigerung der für Heavy Metal charakteristischen musikalischen Eigenschaften verweist der Begriff Power-Metal, den Bands wie Jag Panzer, Manowar oder Titan Force für sich in Anspruch nehmen. Er besagt, dass hier die traditionellen Merkmale des Heavy Metal weitergeführt und mit zeitgemäßen Elementen (Speed, Progressive) verbunden werden. Das äußert sich in kraftvollen Riffs, melodischem Gesang, virtuosen Soli, druckvollen Produktionen und zum Teil in unerhörten Lautstärken (Manowar ist im Guinness-Buch der Rekorde 1994 mit 129 dB als lauteste Rockband der Welt geführt).
 
Progressive Metal (englisch progressive = »fortschrittlich«): steht für eine Verbindung des Heavy Metal mit Strukturen des Art bzw. Progressive Rock. Als Vorreiter dieser Spielart gelten Rush (z. B. Langspielplatte »Permanent Waves«, 1979) und Fates Warning (z. B. Langspielplatte »Night On Bröcken«, 1984). Anfang der Neunzigerjahre sind hier u. a. mit Dream Theater oder Threshold wahrhafte Virtuosen am Werk, die ihre komplex arrangierten Songs auf höchstem spieltechnischen Niveau auch live eindrucksvoll präsentieren.
 
Speedmetal (englisch speed = »Geschwindigkeit«): eine in überschnellem Tempo ausgeführte Version des Heavy Metal mit verdoppeltem Basstrommel-Beat, zu dessen Ausführung der Schlagzeuger in der Regel zwei Bassdrums einsetzt. Als frühes Beispiel dieser Richtung kann auf die Langspielplatte »Heavy Metal Maniac« (1983) von Exciter verwiesen werden. Mitte der Achtzigerjahre setzten Metallica, Agent Steel und Overkill die Maßstäbe.
 
Thrashmetal (englisch thrash = »dreschen«): eine an die Ästhetik des britischen Punkrock anknüpfende, härtere Variante des Speedmetal, wobei vor allem der Verzicht auf melodische Gesangsparts eine Abgrenzung ermöglicht. Tonangebend sind bzw. waren hier Bands wie Celtic Frost, Exodus, Megadeath oder Testament.
 
White Metal, auch Christian Metal (vergleiche auch Godrock): das Gegenstück zu Black, Death und Doom. Hier wird die Botschaft des Evangeliums in das Gewand von Heavy Metal gesteckt. Gruppen wie Stryper oder Vengeance stehen für diese hauptsächlich in den USA verbreitete Richtung, die international kaum Resonanz findet.
 
Neben dieser Begriffsflut gibt es weitere Kategorien, die keine musikspezifischen oder inhaltlichen Faktoren benennen, sondern von Heavy-Metal-Fans geringschätzig zur Beschreibung kommerziell gestylter Bands benutzt werden:
 
Glam-Metal (englisch glam, Abkürzung für glamour = »Zauber, falscher Glanz«), auch Poser Metal (englisch pose = »sich in Positur stellen«, englisch poser = »Wichtigtuer«): kennzeichnet Gruppen wie Cinderella oder Tygertailz, die durch toupierte Haartracht (teils künstlich verlängert), bunte Garderobe oder ein feminines Äußeres auffallen.
 
Sleazemetal (englisch sleazy = »schäbig«): bezieht sich auf ein durch normale Alltagskleidung (T-Shirt und Jeans) gekennzeichnetes Bühnen-Outfit, wie es z. B. von Guns'n'Roses getragen wird.
 
Über den Sinn einer solch feingliedrigen, natürlich auch von kommerziellen Aspekten geprägten Auffächerung darf man geteilter Meinung sein. Tatsache ist, dass die Anhänger des Heavy Metal die einzelnen Rubriken sehr wohl zu unterscheiden wissen und ihre Vorliebe auf einen bestimmten Bereich konzentrieren.
 
Insgesamt ist das Heer der Heavy-Metal-Bands weltweit unüberschaubar geworden, selbst wenn nur eine geringe Zahl von ihnen, nicht zuletzt aufgrund der oftmals unverhohlenen Beschreibung oder Verherrlichung von Gewalt, auf dem Musikmarkt oder in den Medien eine sichtbare Rolle spielt. Bands wie Carcass oder Cannibal Corpse, mit ihren an Horror-Clips und Splatter-Movies orientierten Song-Inhalten, sorgten immer wieder für kontroverse Diskussionen in der Presse, die zu zensierten Song-Texten und zu örtlichen Auftrittsverboten führten. Die Antwort von Canibal Corpse angesichts einer 1994 in Deutschland initiierten Kampagne lautete schlicht: »Als wir »Hammer Smashed Face« nicht spielen durften, brachten wir stattdessen »Fucked With A Knife haha...«. Angesichts der in den Medien vorherrschenden Sensationsgier, die derartige Themen nicht auslässt, sondern lustvoll in den Blickpunkt rückt, darf man in Heavy Metal eine durchaus realistische Widerspiegelung des Medienalltags sehen.

Universal-Lexikon. 2012.

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